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Vom Eigennutz zum Gemeinnutz


Als unsere Genossenschaft 1924 gegründet wurde, konnte sie zunächst nicht genossenschaftlichen Wertvorstellungen entsprechen. Dies lag daran, dass die Gründung allein dem Zweck diente, einem Privatindustrieellen namens Fritz Klein eine profitable wirtschaftliche Verwertung seines großen Grundbesitzes in Wittenau zu ermöglichen. Also nicht die Initiative von unten, in der Menschen versuchten durch Selbsthilfe und gemeinsamen Einsatz von Kapital unter Teilung des Risikos eine Genossenschaft zu gründen stand im Vordergrund, sondern es war der Versuch eines einzelnen sich durch diese Gesellschaftsform und die damit verbundene Gemeinnützigkeit durch staatliche Förderung zusätzliche wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Die soziale Grundidee, der sogenannte genossenschaftliche Gedanke, fehlte in unserer Genossenschaft deshalb anfangs vollkommen. Besagter Fritz Klein, Eigentümer der Fritz Klein Bau- und Siedlungs AG gründete am 15.5.1924 mit Personen aus seiner Geschäftsstelle die "Gemeinnützige Bauvereinigung Wohnungssuchender eGmbH, Berlin".

Der erste Aufsichtsrat war mit der Geschäftsführung der Fritz Klein Bau und Siedlungs AG identisch. Die Verwaltung hatte folgerichtig ihren Sitz in Klein´s Baufirma. Der große Grundbesitz in Wittenau, den Fritz Klein für vier Reichsmark pro m² erworben hatte, konnte der Genossenschaft, aufgrund der Zusammensetzung des Aufsichtsrats widerspruchslos für das Doppelte verkauft werden. Aber damit noch nicht genug. Ohne ordentliche Ausschreibung erhielt Klein´s Baufirma natürlich auch die Aufträge zur Erstellung unserer Siedlung nördlich und südlich des Nordgrabens. Es verwundert in diesem Zusammenhang nicht, daß die Preise seiner Firma, die er der Genossenschaft in Rechnung stellte, bis 30% über den Preisen der gewerkschaftlichen Bauhütten lagen. Die Behörden durchschauten diese Transaktionen offenbar nicht und vergaben großzügig öffentliche Wohnungsbaufördermittel. Hinzu kam eine äußerst unsolide Finanzierung des Bauvorhabens, was dazu führte, daß die Wohnungen der Baugenossen nur stark überteuert angeboten werden konnten.

Nutznießer aus all dem war zunächst Fritz Klein, der durch den überhöhten Grundstücksverkauf an die Genossenschaft und die überteuerte Bauerstellung erhebliches Vermögen erwirtschaftete. Die Zeche zahlten die Mitglieder unserer Baugenossenschaft, die sich dessen immer bewusster wurden und 1928 schließlich die Wahl eines von Fritz Klein unabhängigen neuen Aufsichtrats erreichten. Die Verwaltung zog nach Wittenau. Erst jetzt, vier Jahre nach der Gründung, begann unsere Genossenschaft die demokratischen Strukturen zu bilden, die eine Genossenschaft für ihre Entwicklung braucht. Der neue Aufsichtsrat strengte umgehend Schadensersatzansprüche gegen Fritz Klein an. Das in den Bauverträgen vereinbarte Schiedsgericht entscheid jedoch zunächst zu Ungunsten unserer Genossenschaft. 1931 konnte aufgrund der Aufdeckung eines Verfahrensfehlers des Schiedsgerichts der Prozess vor einem ordentlichen Gericht wieder aufgerollte werden und schlussendlich sogar gewonnen werden. Das half unserer Genossenschaft jedoch wenig, denn fast gleichzeitig machte Fritz Klein´s Firma pleite.

Die Konkursmasse gab nichts her. Die Folge war, daß unsere Genossenschaft, die sich gerade von der Fremdbestimmtheit befreit hatte, Anfang der 30er Jahre in eine schwere Krise geriet. Zur intern verursachten Finanznot kam die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland, was dazu führte, daß zeitweilig bis zu einem Drittel der rd. 900 Wohnungen nördlich und südlich des Nordgrabens leer blieb, weil der Mietpreis für diese Wohnungen für viele zu hoch und nicht tragbar war. Unsere Genossenschaft brauchte aber dringend Erträge, um die finanziellen Erblasten, die sich aus den Transaktionen von Fritz Klein ergaben, abtragen zu können. Im Jahr 1932 waren die Bilanzen schließlich so schlecht, daß sich unsere Genossenschaft zu einem in Berlin damals einzigartigen Schritt entschloss. 95% der Geschäftsguthaben wurden als Verlust abgeschrieben, so daß die Baugenossen fast ihren gesamten Anteil, der damals bei 300 Reichsmark pro Person lag, verloren und neu einzahlen mussten. Nur unter diesen Voraussetzungen war der Staat bereit, ein Sanierungsdarlehen zu gewähren und die Tilgung der Hypotheken zu erleichtern. Die Abschreibung der Geschäftsanteile führte zu großen Auseinandersetzungen innerhalb unserer Genossenschaft und zog noch über Jahre Prozesse mit ausgetretenen Mitgliedern nach sich.

1932 wurde unserer Genossenschaft schließlich offiziell als gemeinnützig anerkannt. Eine vollständige Vermietung der ersten rd. 990 Wohnungen wurde erst 1935 erreicht. Im gleichen Jahr hat sich dann der Name unserer Genossenschaft in "Gemeinnützige Bauvereinigung Wittenau eGmbH" geändert. 1941 erfolgte eine weitere Umbenennung in "Gemeinnützige Wittenauer Wohnungsgenossenschaft eGmbH. 1993 wurde von der Vertreterversammlung schließlich die Kurzform "GEWIWO Berlin Gemeinnützige Wittenauer Wohnungsbaugenossenschaft e.G." beschlossen. Heute firmieren wir unter "GEWIWO Berlin Wittenauer Wohnungsbaugenossenschaft e.G.".

Unsere Genossenschaft hatte in der Anfangsphase also sehr schwer zu kämpfen, hat es aber mit Geschick geschafft, sich zu behaupten. Wenn wir schon nicht uneingeschränkt stolz auf die Gründungsumstände sein können, dann doch zumindest darauf.

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